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Das Märchen vom guten Hirten

Ich bin groß geworden mit dem Bild des guten Hirten, wie er sein Schaf auf seinen starken Armen trägt. Was ist im Laufe der Jahre daraus geworden? Ich möchte es einmal provozierend so beschreiben:
 
Der gute Hirte steht für einen Gott, der sich um alles kümmert. Ein kleines Wehwechen - und er ist zur Stelle. Eine Sorge - und ich spüre seine Streicheleinheit. Eine Not - und er schaltet sie ab. Der gute Hirte ist zu einem Bild für die beste Versicherung geworden, die man sich vorstellen kann: Eine Rundum-Wohlfühlversorgung zum Nulltarif. Doch wehe, der gute Hirte packt nicht in Watte ein! Dann wird er mit Vorwürfen und Gebeten bombardiert, weil er seiner Pflicht nicht nachkommt. Er muss mich ja tragen - durch dick und dünn. Immer. Mein Wohlergehen - dafür ist er zuständig. 
 
Das biblische Bild des guten Hirten ist manchmal zu einer Wunschvorstellung verkommen. Diese Vorstellung hat sich tief eingebrannt und ist bei dem Wort „Hirte“ sofort allgegenwärtig. Aber genau das ist ein Märchen. Versuchen wir einmal genau hinzusehen, wie der Hirte seinen Hirtendienst in Johannes 10,11-16 beschreibt!
 
Schnell stelle ich fest, was so gar nicht in mein früheres Bild vom guten Hirten passt: Seine Absicht ist es nicht, mich auf Wolke 7 durchs Leben zu tragen. Seine Mission ist, mich zu retten. Dafür hat er alles gegeben: sein eigenes Leben!
Bin ich gerettet, habe ich mich in seine Herde rufen lassen, ist es meine Aufgabe, ihm zu folgen, auf seine Stimme zu hören und mich von ihm führen zu lassen. 
Es geht nicht zuerst um mein Wohlbefinden, sondern darum, auch andere zu retten, zurück zur Herde zu holen. Der Hirte sieht die, die verirrt sind. Der Hirte liebt sie. Der Hirte will sie alle! Meine Reaktion auf meine Rettung darf nicht sein, mich damit zufriedenzugeben, in Watte einpackt auf den Himmel zu warten, sondern in den Fußstapfen des Hirten mitzugehen, andere zu suchen. 
Genau das kann ich in der Herde des guten Hirten nun ohne Angst tun. Jetzt bin ich nicht mehr allein, nicht ohne Hilfe, wenn Gefahren drohen. Da bin ich im Blick des guten Hirten, der uns kein ruhiges Leben, aber eine sichere Ankunft in „seinem Stall“ versprochen hat. In dieser Herde unterwegs zu sein heißt für mich: „… und wenn ich dann gestorben bin, lebe ich glücklich in alle Ewigkeit.“
 
 

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