Es ist nicht alles Gold was glänzt!
(Apostelgeschichte 15,36-16,5)
Sommerzeit ist Reisezeit. Vorfreude auf die großen Ferien, den Sommerurlaub kennt wohl jeder. Seitdem wir unser Ferienhaus gebucht haben, wächst die Vorfreude auf den Reisebeginn. Wir haben das Haus vor Augen, wie wir es im Prospekt gesehen haben, die Beschreibung des Hauses kennen wir fast auswendig. In unseren Köpfen sind Bilder vom Urlaubsziel entstanden, Ideen gereift - und doch bleibt die Frage: Stimmt die Wirklichkeit mit dem Bild überein, das wir uns gemacht haben? Bilder können lügen. Ich denke da an
eine Freizeit, die ich in der Schweiz zu leiten hatte. Was war das für ein herrliches Bild im Prospekt. Viel Platz war zu sehen, ideal für Familien mit Kindern, so schien es. Doch als wir dann da waren, überraschte uns eine stark befahrene Straße, die unterhalb des Hauses entlang ging. Aus der Entfernung sieht manches halt anders aus, als es wirklich ist.
„Nicht alles ist Gold, was glänzt“! Das gilt auch viele andere Bereiche unseres Lebens, in denen wir Menschen dazu neigen, uns falsche Bilder, falsche Vorstellungen zu machen. Da sehnt sich der Single nach einer Ehe, weil dann alles viel schöner wäre, während mancher Verheiratete wehmütig von der Zeit der Ungebundenheit träumen mag. Als Schüler träumte ich davon, endlich die Schule hinter mir lassen zu können - das Bild vom Leben als Erwerbstätiger schien mir wie mit einem breiten, goldenen Rahmen. Doch als ich dann arbeiten musste, vermisste ich die Zeit und die Möglichkeiten, die ich als Schüler hatte. Es ist nicht alles Gold, was glänzt! Manchmal muss man das erst erleben oder aber mal genauer hinsehen.
Auch in der ersten Gemeinde war nicht alles Gold, was glänzte! Vielleicht haben Sie auch schon davon geträumt, wie es wohl gewesen wäre, zu dieser Jerusalemer Gemeinde gehören zu können. Einmal Petrus und Paulus live zu hören, ihre gemeindeinterne Liebe zu erleben und vor allem die Stimmung zu spüren, wenn Tausende von Menschen dazu kommen! Das müssen doch einfach goldene Zeiten gewesen sein - damals eben. Wenn wir aber genauer hinsehen oder besser nachlesen, was sich alles in der Gemeinde ereignete, dann werden wir auch dort entdecken: Es war nicht alles Gold, was glänzte! Dazu gehört auch nachfolgender Bibelabschnitt:
Apg. 15,36 Nach einigen Tagen sprach Paulus zu Barnabas: Lass uns wieder aufbrechen und nach unsern Brüdern sehen in allen Städten, in denen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie steht. 37 Barnabas aber wollte, dass sie auch Johannes mit dem Beinamen Markus mitnähmen. 38 Paulus aber hielt es nicht für richtig, jemanden mitzunehmen, der sie in Pamphylien verlassen hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. 39 Und sie kamen scharf aneinander, sodass sie sich trennten. Barnabas nahm Markus mit sich und fuhr nach Zypern. 40 Paulus aber wählte Silas und zog fort, von den Brüdern der Gnade Gottes befohlen. 41 Er zog aber durch Syrien und Zilizien und stärkte die Gemeinden.
Apg 16,1 Er kam auch nach Derbe und Lystra; und siehe, dort war ein Jünger mit Namen Timotheus, der Sohn einer jüdischen Frau, die gläubig war, und eines griechischen Vaters. 2 Der hatte einen guten Ruf bei den Brüdern in Lystra und Ikonion. 3 Diesen wollte Paulus mit sich ziehen lassen und er nahm ihn und beschnitt ihn wegen der Juden, die in jener Gegend waren; denn sie wussten alle, dass sein Vater ein Grieche war. 4 Als sie aber durch die Städte zogen, übergaben sie ihnen die Beschlüsse, die von den Aposteln und Ältesten in Jerusalem gefasst worden waren, damit sie sich daran hielten. 5 Da wurden die Gemeinden im Glauben gefestigt und nahmen täglich zu an Zahl.
Hand aufs Herz: Können Sie sich wirklich vorstellen, dass Paulus und Barnabas so heftig aneinander geraten sind? Aber sie sind es - und wie!
Zunächst scheint alles in bester Ordnung. Paulus sagt zu Barnabas: „Komm, lass uns wieder losziehen und die Gemeinden besuchen, die wir gegründet haben“! Das „Dreamteam“, das für Jesus so erfolgreiche Evangelisten-Duo, rüstet sich gemeinsam für eine zweite Ausreise. Alles läuft harmonisch nach Plan, bis Paulus begreift, dass Barnabas auch seinen Neffen, den Johannes Markus, wieder mitnehmen will.
Da bekommt Paulus einen dicken Hals und verliert jegliche Fassung. Es müssen da so richtig die Fetzen geflogen und Worte gefallen sein, die Lukas lieber nicht in seiner Apostelgeschichte aufschreiben wollte. So heißt es nur: „... sie kamen scharf aneinander“. So scharf, so heftig, so unversöhnlich, dass sie sich trennen! Paulus und Barnabas gehen im Unfrieden auseinander. Diese Apostel, diese Evangelisten trennen sich, obwohl Jesus ihnen - und uns - sagte: Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Joh 13,35)
Was war nur der Grund dafür, dass sie Jesu Gebot hier nicht befolgen konnten? Was hatte Johannes Markus angestellt, dass Paulus sich seinetwegen von Barnabas trennte? Johannes hatte gekniffen. Dem jungen Mann hatte es an Ausdauer und Durchhaltevermögen gefehlt. Und das konnte Paulus nicht haben. Zielstrebigkeit und kompromissloser Einsatz für Gott waren das Leben von Paulus - so begegnet er uns in der Bibel - vor und auch nach seiner Bekehrung zu Jesus.
Die Vorstellung, dass er nicht 100% für Jesus geben könnte, weil er einen Versager mitnehmen musste, war für ihn nicht vorstellbar. Und so trennte er sich von Barnabas. Ausgerechnet von jenem Barnabas, der doch sein geistlicher Vater war! Barnabas hatte ihn damals in die Gemeinde eingeführt und über ein Jahr lang betreut. Vieles von dem, was Paulus wusste, hatte er von Barnabas gelernt. Das alles warf er über Bord. Dafür wählte er Silas aus und zog mit ihm los. Bei Silas wusste Paulus, was er hatte. Er war auch schon auf der letzten Reise dabei.
Nicht nur Paulus war stur geblieben - auch Barnabas. War es die familiäre Bindung, die Verantwortung für seinen Neffen, oder war es der Glaube an die Möglichkeiten dieses jungen Mannes, die Barnabas dazu trieben, nicht einzulenken? Wir wissen es nicht. Wir stellen nur fest: Die Jerusalemer Gemeinde sendet beide getrennt aus: Barnabas mit Johannes Markus und Paulus mit Silas. Aber wie soll das gut gehen?
Das kann doch nichts werden! Wie soll der Heilige Geist wirken können, wenn die Brüder in Streit und Unfrieden auseinander gehen? Und was ich auch als Gemeindeleiter nicht nachvollziehen kann: Wieso lässt die Gemeinde beide so ziehen?
Fragen über Fragen stehen da im Raum. Und diese Fragen werden nicht weniger, wenn man sieht, dass dabei auch noch etwas Gutes heraus kommt: Paulus und Silas wirken im Segen. Aber auch Barnabas´ Weg wird bestätigt. Denn Paulus erwähnt später Johannes Markus als seinen Mitarbeiter im Brief an die Gemeinde in Kolossä und im Brief an Philemon. Im Brief an Timotheus freut er sich sogar, dass er ihm nützlich zum Dienst ist. Damit hat Barnabas offensichtlich Gutes getan, an diesem jungen Mann festzuhalten.
Ende gut - alles gut? Unbeantwortet bleibt für mich die Frage, wie das gut gehen konnte. Eigentlich kann so etwas doch nicht funktionieren: Ausreise zur Evangelisation in Streit und Unfrieden und dann der Ausschluss von Menschen, nur weil sie einmal versagt haben? Wie kann Gottes Geist da wirken?
Ich weiß es nicht. Mein Fazit lautet: Ich muss es auch nicht wissen. Ich weiß: Wie die geistlichen Brüder Paulus und Barnabas da miteinander umgingen, war falsch. Das war eindeutig nicht Gottes Wille.
Aber ich begreife auch: Ihr Streit war kein typisch menschlicher Streit. Es war kein Streit um persönliche Eitelkeiten, der sie auseinander trieb. Vielmehr war es ein Streit um den besten Weg, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Paulus stand dabei für geradlinige Strategie und bestmöglichen Kosten-Nutzen-Effekt, während es Barnabas um die Förderung von Nachwuchs, die Begleitung von Mitarbeitern ging. Beides sind gute geistliche Motive.
So stritten sie über den besten Weg der Evangelisation. Gemeinsam blieb dabei ihr Ziel, Jesus zu dienen. Auch wenn im Streit das eine oder andere Wort zu viel gesagt worden war - die Einheit darin, ihr Leben ganz für Jesus zu leben, hatten sie nicht aufgegeben. Und darüber kamen sie später auch wieder zusammen. So wuchs die Gemeinde in Jerusalem weiter - auch wenn wir jetzt wissen, dass dort nicht alles Gold war, was glänzte. Aber genau das finde ich ermutigend. Es gibt keine Gemeinde, in der alles gut und schön ist. Aber wo in einer Gemeinde darum gerungen wird, bestmöglichen Einsatz für Jesus zu leben, kann und wird Jesus es segnen. Das Ziel, um Jesu Willen wieder eins zu werden, muss unverrückbar bleiben - auch wenn es dabei Zeiten geben mag, in denen Menschen vorübergehend in einer Gemeinde nebeneinander unterwegs sind.
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